Forum Globales Lernen in Bayern
Erklärung zum Globalen Lernen
vom 8. Januar 2005Das Forum Globales Lernen in Bayern möchte zur Verbreitung und verstärkten Implementierung des "Globalen Lernens / der Bildung für nachhaltige Entwicklung" 1 beitragen und bezieht sich dabei ausdrücklich auf:
- die Formulierung des 'Berichts des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung' in Johannesburg 2002 (A / CONF. 199 / 20): "Auf allen Bildungsebenen die nachhaltige Entwicklung in die Bildungssysteme integrieren und so die Bildung in stärkerem Maße zum Schlüsselkatalysator zu machen.",
- die vom Nord-Süd-Zentrum des Europarates in "Global Education 2002" veröffentlichten und in der "Maastrichter Erklärung" auf dem Europäischen Kongress über Globales Lernen im November 2002 als europäisches Rahmenkonzept übernommenen Formulierungen,
- den Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom 20. Dezember 2002, die Jahre 2005 - 2014 zur Weltdekade "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" (VN-Res. - Nr. 57 / 254) auszurufen,
- die "Hamburger Erklärung" der Deutschen UNESCO-Kommission bei der 63. Hauptversammlung (Juli 2003), in der Maßnahmen formuliert werden zur Umsetzung der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" in Deutschland (PDF, 89 kB),
- die Beschlussempfehlung und den Bericht des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung vom 30.6.2004 (Deutscher Bundestag, Drucksache 15 / 3472) zum Aktionsplan zur UN-Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (PDF, 121 kB),
- den Kölner Bildungskongress "Der Nord-Süd-Konflikt - Bildungsauftrag für die Zukunft" vom 29.9. - 1.10.1990, den Kongress "Bildung 21 - Lernen für eine gerechte und zukunftsfähige Entwicklung" vom 28. - 30. September 2000 in Bonn und den ersten Bayerischen Bildungskongress zum Globalen Lernen vom 16. - 18.Oktober 2003 in Dillingen / Bayern.
Im Sinne der erwähnten Dokumente orientiert sich das Forum Globales Lernen in Bayern an folgenden Leitgedanken:
1. Definition des Begriffes "Globales Lernen":
"Globales Lernen bedeutet Bildungsarbeit, die den Blick und das Verständnis der Menschen für die Realitäten der Welt schärft und sie zum Einsatz für eine gerechtere, ausgewogenere Welt mit Menschenrechten für alle aufrüttelt. Globales Lernen umfasst entwicklungspolitische Bildungsarbeit, Menschenrechtserziehung, Nachhaltigkeitserziehung, Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktprävention sowie interkulturelle Erziehung, also die globalen Dimensionen der staatsbürgerlichen Bildung". (Quelle: 'Maastrichter Erklärung' von 2002)
2. Auftrag des "Globalen Lernens" soll sein,
- die weltweiten Verflechtungen und die mit ihnen entstehenden wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen, politischen und kulturellen Chancen und Risiken wahrnehmbar zu machen;
- Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, die es den Lernenden ermöglichen, den eigenen Standort zu erkennen, sich als Handelnde in einer globalisierten Welt zu begreifen und Fähigkeiten zur Mitgestaltung von Veränderungen zu entwickeln,
- eine lokal-globale Betrachtungsweise aus unterschiedlichen Perspektiven zu stärken und den Aufbau eines auf globale Strukturen bezogenen Orientierungswissens zu fördern;
- ein an den Grundwerten der Menschenrechte und an den Prinzipien einer nachhaltigen, gerechten und friedlichen Entwicklung ausgerichtetes Leitbild zu vermitteln, wie es in der Agenda 21 und in anderen internationalen Vereinbarungen vorgegeben wird,
- die Bereitschaft und Fähigkeit zu fördern, sich für partizipatorisch erarbeitete zukunftsfähige Entscheidungen einzusetzen.
3. Als konkrete, interdisziplinäre Lerninhalte ergeben sich u.a.:
- Grundlagen von Entwicklungsfragen und deren Zielkonflikte in politisch-ökonomischen Entscheidungsprozessen,
- die Bedeutung von Partizipation, Mitbestimmung und Solidarität als Bewertungskriterien für selbstbestimmte und nachhaltige Veränderungen,
- die Erkundung anderer Kulturen und Lebensweisen
- zur Förderung der Wertschätzung ethnischer Vielfalt,
- zur sachlichen Wahrnehmung der Unterschiede,
- zur kritischen Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus,
- zum vertieften Verständnis der eigenen Identität,
- Gestaltungskompetenzen der/des Einzelnen in verschiedenen Rollen im Rahmen der globalisierten Wirtschaft z.B. als ArbeitnehmerIn, KonsumentIn oder AktionärIn,
- die regionalen und weltweiten ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge von Entwicklung (Agenda 21).
4. Für die Gestaltung geeigneter Lernsituationen werden als didaktisch-methodische Empfehlungen benannt:
- interdisziplinäre Themenschwerpunkte zu betonen und partizipatorische Einbeziehung der Lernenden bei der Themenauswahl anzustreben,
- den bewussten Umgang mit Komplexität durch Erfahrungs- und Übungsmöglichkeiten stärken und beim Auftreten von Ungewissheiten auch offene Ergebnisse zulassen,
- authentische Begegnungen mit ZeugInnen und ExpertInnen ermöglichen und ferne Lebenswelten durch moderne Medien erschließen lassen,
- direkte Kommunikation mit Lernenden in anderen Kulturen fördern (z.B. durch Initiierung und Gestaltung von Schulpartnerschaften),
- Kooperation von Schule und anderen Bildungspartnern unterstützen und außerschulische Lernorte wie Forschungsinstitute, Unternehmen, Eine-Welt-Läden und Beratungsstellen in den Lernprozess einbeziehen,
- Handlungskompetenz durch Beteiligung z.B. an Wettbewerben, entwicklungspolitischen Kampagnen, Umweltschutzmaßnahmen, Hilfsaktionen und schülereigenen Unternehmen, Vereinsaktivitäten und Projektreisen stärken,
- Ergebnisse der Lernprozesse dokumentieren, präsentieren und publizieren.
5. Zur Situation des "Globalen Lernens" in Bayern:
Die gegenwärtige Situation des "Globalen Lernens" im Bildungsbereich des Freistaates Bayern ist bislang noch nicht erkennbar geprägt von einer breiteren Anerkennung und Verwirklichung der in den vorhergehenden Abschnitten genannten (und in einigen anderen Bundesländern schon eingeführten) Bildungsaspekte und Lernstrukturen. Das Forum Globales Lernen in Bayern will sich deshalb angesichts der zunehmenden Bedeutung dieses Themenbereiches für eine verstärkte Beachtung und Förderung des "Globalen Lernens" einsetzen und hält deshalb für erforderlich:
5.1. Zusammenarbeit und Vernetzung von staatlichen Einrichtungen und den nichtstaatlichen AkteurInnen des "Globalen Lernens"
- die bei den NROs, Netzwerken, Nord-Süd-Foren, Kirchen und Kommunen bestehenden Servicestellen für entwicklungspolitische Informations- und Bildungsarbeit in ihrer Leistungsfähigkeit durch Mittelzuwendungen zu stärken und mit der Gründung weiterer Stützpunkte eine regional gleichwertig verteilte Versorgung mit kompetenter Beratung und Förderung zu sichern,
- die Zusammenarbeit der Bayerischen Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit mit den Nichtregierungsorganisationen im Bildungsbereich zu intensivieren, um durch geeignete Publikationen den Stand der internationalen Bildungsdiskussion zum "Globalen Lernen" bekannt zu machen sowie durch Hinweise auf geeignete Materialien, Quellen und Servicestellen an der entsprechenden staatsbürgerlichen Bildungsarbeit mitzuwirken,
5.2. Verbesserung der Rahmenbedingungen für "Globales Lernen / Bildung für nachhaltige Entwicklung" an bayerischen Schulen sowie im Rahmen außerschulischer Bildung:
- durch entsprechende Ergänzungen in den Bayerischen Schulbildungsplänen,
- durch inhaltliche Ergänzungen in der LehrerInnenausbildung an den Universitäten, den Studienseminaren und bei der LehrerInnenfortbildung,
- eine Intensivierung der didaktischen Weiterentwicklung von "Globalem Lernen", die kreative Ergänzung der vorhandenen Methodenvielfalt und die Neugestaltung bzw. Aktualisierung von Materialien und Medien voranzubringen sowie Innovationen und Evaluierungen bekannt zu machen,
- durch eine Stärkung z.B. der Teamarbeits-Kompetenzen und der inhaltlichen Eigenverantwortung der Lehrkräfte,
- durch Erleichterungen bei der Öffnung von Schule für die Zusammenarbeit mit außerschulischen PartnerInnen und Lernorten,
- durch Schulvereinbarungen mit nichtstaatlichen Bildungsträgern zur definierten Kooperation,
- durch häufigere Angebote einer spezifischen Fortbildung im Bereich des "Globalen Lernens" für Lehrkräfte und außerschulische Bildungsakteure,
- an ausgewählten Schulen (z.B. den Seminar-Schulen) Kompetenzzentren für das "Globale Lernen" einzurichten mit je einer dafür besonders ausgebildeten und angemessen entlasteten Lehrkraft und mit einer Basisausstattung an ausleihbaren Materialien und Medien.
5.3. Koordinierungs- und Transferstelle zum "Globalen Lernen" auf Landesebene. Diese sollte u.a.:
- die Implementierung des Modellprogramms 21 der Bund-Länder-Kommission fördern,
- bayerische Beteiligungen an der Allianz Nachhaltigkeit Lernen im Rahmen der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" initiieren und begleiten,
- die Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen und staatlichen Bildungsträgern unterstützen.
5.4. Nächste Schritte:
- Nachfolgeveranstaltungen des "Bayerischen Bildungskongresses zum Globalen Lernen" vom Oktober 2003 zu planen und vorzubereiten (zunächst für 2006),
- regelmäßig zu einem "Forum Globales Lernen in Bayern" einzuladen.
Diese Erklärung wird getragen von:
- Afrika Freundeskreis e.V.
- Afrikahilfe Schondorf
- Agendakoordination Eine Welt, München
- Arbeitskreis Didaktik der Geographie an Bayerischen Universitäten
- Arbeitskreis für Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung e.V.
- Arbeitsstelle Eine Welt am Pädagogischen Institut / FWE des Schul- und Kultusreferates der Landeshauptstadt München
- Bayerischer Elternverband (BEV)
- Brot für die Welt, Bayern
- Brüderl, Lorenz (München)
- Büttler, Kurt (Landshut)
- Campo Limpo Solidarität mit Brasilien e.V.
- Dritte-Welt-Solidarität Kaufbeuren e.V.
- Eine Welt Netzwerk Bayern e.V.
- Eine-Welt-Laden Neumarkt e.V.
- FAIR Handelshaus Bayern e.G.
- Fairkaufladen Petershausen
- Forum Eine Welt Gauting e.V.
- Germanwatch Regionalgruppe Münchner Raum
- Gumtau, Dr. Michael (Eichenau)
- Hochschulverband für Geographie und ihre Didaktik e.V.
- Indienhilfe Herrsching e.V.
- Initiative Eine Welt e.V. Würzburg
- ISDE-Institute e.V. (international-sustainable-development-education)
- "Kirchliche Umweltkonferenz" der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
- Kirchlicher Entwicklungsdienst der Evang.-Luth. Kirche in Bayern (seit 1.1.2007: Mission - EineWelt)
- Landesarbeitskreis Bayern - Schule für Eine Welt e.V.
- Landshuter Arbeitskreis Partnerschaft mit der Dritten Welt e.V.
- Lehrstuhl für Didaktik der Geographie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
- Misereor Arbeitsstelle Bayern
- Missio München
- Mission -EineWelt
- Missionswerk der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Neuendettelsau (seit 1.1.2007: Mission - EineWelt)
- Nord-Süd-Forum Aschaffenburg e.V.
- Nord-Süd-Forum Landsberg
- Nord Süd Forum München e.V.
- Oikocredit Förderkreis Bayern e.V.
- Paulo Freire Gesellschaft e.V.
- UNSER LAND e.V
- Werkstatt Solidarische Welt e.V. Augsburg
1 Das Forum Globales Lernen in Bayern sieht eine sehr große Schnittmenge der Begriffe 'Globales Lernen' und 'Bildung für nachhaltige Entwicklung'.
